Christian Czinke – Architekt & Stadtplaner

Zirkuläres Bauen

Die Wiederverwendung von Rohstoff und Material im Prozess des Bauens ist Jahrhunderte alt. Die Stadt Venedig und viele italienische Städte sind aus den Überresten des römischen Reiches entstanden.

Aktuell wird der Blick auf die Qualitäten der Vergangenheit durch Vorgaben und Normen zur Energieeinsparung, durch Überreglementierung im Bauprozess und die politische Selbstdarstellung der jeweiligen Regierungsparteien verdrängt.

Marcel Reymarkes

Der belgische Architekt Marcel Reymarkes hat in den 1970er Jahren im Zuge des radikalen Abbruchs von Kirchenbauten in Belgien Bauteile gesichert und als begabter Entwerfer in neuen wegweisenden Bauten wiederverwendet. Er konnte mit seinem Handel von gebrauchten Bauteilen, der den Namen „Queen of the South“ trug, und mit seinem Talent als Architekt bis in Übersee Projekte realisieren.

Bei einem der Projekte von Marcel Reymarkes wurden sogar die Pilotenkanzeln ausrangierter schwedischer Kampfjets als Oberlichter verbaut.

John Lautner

In der prominenten Sheats-Goldstein Residence des kalifornischen Architekten John Lautner, das in den Filmen „James Bond – Goldfinger“ und „The Big Lebowsky“ als Kulisse diente, wurden in der filigranen Deckenstruktur alte Wassergläser als spannende Lichtspots eingesetzt.

Die Decke mit den Wassergläser-Spots im Sheats-Goldstein House von John Lautner

Upcycling

Beim Downcycling werden Abbruchmaterialien wie Beton oder Ziegel einer neuen Nutzung zugeführt, beispielsweise als Unterbau einer Straße. Allerdings erfordert das Downcycling die Produktion neuer Baumaterialien mit dem gleichen Aufwand wie ursprünglich, weshalb es die Verschwendung von Ressourcen bedeutet.

Beim Upcycling werden Bauteile einer neuen, hochwertigeren Funktion zugeführt. So wird etwa aus ausgedienten Überseecontainern neuer (Wohn-)Raum modelliert.

Ein spektakuläres Beispiel sind die Verkaufsräume der Taschenfirma Freitag, deren Verkaufslokal in Zürich aus 17 ausrangierten Überseecontainern besteht. Architektur: Spillmann Echsle

James Haywood

Der britischstämmige Designer James Haywood entwirft und produziert in Montpellier aus Abfallprodukten wunderbare Objekte und Leuchten im Grenzbereich zwischen Design und Kunst.

Aktuell hat er eine spannende Farbkollektion seiner Betonprodukte mit außergewöhnlichen Zuschlagstoffen wie Muschelschalen aus dem nahegelegenen Atlantik auf den Markt gebracht. Selbst die Kabel seiner Leuchten bestehen aus recycelten Altstoffen.

Modelle der aus Altmaterialien 3D-gedruckten Bluetooth-Fernbedienungen von James Haywood
Eines der allerersten Leuchtenmodelle von James Haywood

shards

Das junge deutsche Start-up shards fertigt hochwertige Fliesen aus Bauschutt und Recyclingglas. Die verwendeten Rohstoffe geben den Fliesen eine lebendige, warme, individuelle Oberfläche – anders als industriell hergestellte Fliesen oder Feinsteinzeug, das oft kalt und leblos wirkt.

Predigtstuhl-Resort

Im Jahr 1974 wurde im Bayerischen Wald das sogenannte Predigtstuhl-Resort errichtet – eine Anlage mit einigen hundert Ferienapartments zur Belebung des Tourismus in der reizvollen, aber damals strukturschwachen Region.

Architektonisch gehört der Gebäudekomplex zu den wenigen Beispielen moderner Architektur im Bayerischen Wald, die von den Leitsätzen Le Corbusiers geprägt war. So versuchte der damalige Architekt Traub, die Weite der Landschaft durch eine konzentrierte Anordnung der Bebauung nicht zu zersiedeln.

Die Gebäudegeometrie lässt das Ideal der Moderne klar erkennen. Die Architektur ist schnörkellos modern und bietet dennoch auch rustikale, regionaltypische Elemente wie Dachüberstände oder mit Holz verkleidete Balkone.

Die Skelettkonstruktion ermöglichte Fensterbänder und flexible Grundrisse und damit eine optimale Belichtung der Räume. Ähnlich wie Le Corbusier bei der Unité d’Habitation benutzte Traub das Prinzip der Doppelerschließung von Maisonettewohnungen, um die Erschließungsfläche zu verringern und wirtschaftlicher zu bauen. So ergeben sich immer wieder erkerartige Vorsprünge, die die Individualität innerhalb der Gesamtanlage verstärken.

Als städtebaulich und landschaftsplanerisch gelungen kann man die Staffelung der Gebäude an die Hangkante ansehen. So genießen die Gäste die freie Sicht südwärts über das Tal in die Landschaft der Donauebene bis zu den Alpen.

Eine Besonderheit in den Wohnungen ist die Original-Nasszelle. Nach Beendigung der Olympischen Spiele in München 1972 hat man einen Teil der weißen GFK-Nasszellen aus dem Olympischen Dorf in München in der Wohnanlage Predigtstuhl-Ressort verbaut.

Gestaltet und erfunden wurden die Nasszellen im Rahmen der damals schon wegweisenden modularen Bauweise des Olympischen Dorfes vom deutschen Architekten Günther L. Eckert (1927–2001). Diese Nasszellen sind auch Teil der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne.
Auf kleinem Raum sind Waschbecken, WC und Dusche funktional angeordnet. Alles ist fugenlos leicht zu reinigen. Selbst WC-Bürsten und Aschenbecher (!) waren integriert.
Mitglied im DGNB